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Welcher (Western-) Sattel für welches Pferd?

 

  1. Anatomische Voraussetzungen beim Pferd

   2. Auswahl des optimalen Baumes

   3. Auswahl des optimalen Sattels

   4. Möglichkeiten der Sattel-Passform-Überprüfung

 

 

1. Anatomische Voraussetzungen beim Pferd

 

Die Auswahl eines passenden Sattels für ein Pferd ist immer wieder eine mehr oder weniger große Herausforderung.

Der Grund dafür: Pferde sind entwicklungsgeschichtlich nicht zum Tragen von Lasten geeignet. Sie sind in der Funktion ihrer Körperteile so ausgebildet, dass sie sich hauptsächlich im Schritt grasend vorwärtsbewegen. Hier ist das Pferd in der Balance und der Masseschwerpunkt befindet sich in der optimalen Position.  Jedes Abweichen von der Balance kostet unnötige Kraft.

In der  Gesamtheit des Zusammenwirkens aller Muskeln werden die Impulse ständig über den gesamten Körper vermittelt- die Stellung in Zeit und Raum rückgemeldet und wiederum allen (!) Muskeln mitgeteilt. Hier sind durchgängig alle Muskeln beteiligt, zum Beispiel vom Beuger der Hinterzehe bis zum Muskel,  der am Brustbein ansetzt und bis zum Halswirbelstrecker.

Dieses ist ein in der Natur harmonisches Zusammenspiel von Knochen, Gelenken, Muskeln, Sehnen, den großen alles verbindenden Bändern und Faszien, welches vom Kopf bis zur Hinterhand das Pferd innerhalb eines großen Spannungsbogens umrahmend alles verbindet. Dieses Zusammenspiel dient dem Getragensein des Pferdekörpers in allen Lebenssituationen.

Die Muskeln, die wir in den Körperregionen finden wo wir den Sattel auflegen, haben andere Funktionen als das Gewicht des Reiters zu tragen. Der lange Rückenmuskel (M. Longissimus dorsi) biegt die Wirbelsäule durch Kontraktion nach unten, in der nächsten Phase der Bewegung wird er durch andere Muskeln wieder  gedehnt und erlaubt die Wölbung der Wirbelsäule nach oben- er wird auch aktiv bei der Biegung des Pferdes  zur Seite.

Der Trapezmuskel (M. Trapezius) bewegt das Schulterblatt, der breite Rückenmuskel (M. Latissimus dorsi ) ist mit für die Bewegung des Oberarmes und der gesamten Vorhand verantwortlich.

Dennoch ist die gesunde Funktion dieser  Muskeln und fast aller (!)  Muskelstrukturen des Pferdes  für seine Fähigkeit einen Sattel zu tragen wichtig.

Der zwischen den Vorder- und Hintergliedmaßen aufgehängte Rumpf des Pferdes macht ca. 1/3 des Gesamtgewichtes aus. Dieses erhebliche Gewicht wird durch eine geniale Konstruktion der Natur getragen. Die Rücken und Lendenwirbelsäule, der M. Longissimus dorsi  sowie das lange Rücken-Nackenband wirken wie ein Spannbogen. Die Bauchmuskulatur einschl. der sehnigen Anteile und der Faszien wirken wie die Sehne, die den Bogen spannt und so den Rücken in eine leichte Biegung nach oben bringt.

Das Pferd trägt in der Natur sein Gewicht in mittlerer Anspannung mit leicht gewölbtem Rücken über den Spannungsbogen  des langen Rücken- Nackenbandes (Ligamentum Supraspinale) welches vom Kopf, verbunden mit  wirbeleigenen Muskeln, aber auch den großen oberen und tieferen Hals-, Rücken- und Beckenmuskeln  zum Becken und den Schweifwirbeln zieht, bildet so den sogenannten dorsalen Anteil des Spannungsbogens.

Im Bereich des Halses  ist das Band elastisch, nimmt aber im weiteren Verlauf an Elastizität ab. An seiner Spannung sind über die Wirbel auch die großen Halsmuskeln, die Rückenmuskeln und die schubgebende und vorwärtsbewegende  Muskulatur der Hinterhand beteiligt. Durch seine Befestigung an den Dornfortsätzen der Wirbel ist es ein bedeutender Stabilisator des Trageapparates des Rumpfes des Pferdes.

Das Nacken- Rücken-Band steht  also mittelbar über die kurzen,  wirbeleigenen Muskeln auch  in Verbindung mit den Hals- und Rückenmuskeln und den seitlichen und bauchwärts  nach hinten ziehenden großen Faszien, den breiten flächigen Bandansätzen, den Bauchmuskeln sowie der großen Hinterhandmuskulatur bis zum Becken. Diese bilden den oberen  Bogen.

Dieser „dorsale Spannungsbogen“  geht über in die sogenannte „Ventrale Kette“  diese zieht vom Becken aus wiederum zurück bauchwärts seitlich nach unten über die seitlichen Fascien, die Bauchmuskulatur dann weiter  über  die gelbe Bauchhautfaszie zur mittleren Bauchlinie (Linea Alba) hin zum Brustbein und seiner Muskulatur, zur Schulter, und über die langen unteren und seitlichen Halsmuskeln zum Kopf (Unterkiefer, Zungenbein, Genick ).

Mit den unteren Halsmuskeln dem Trapezius, dem Rhomboideus und den Brustmuskeln ist wiederum verbunden die Muskulatur der Schultergliedmaßen, die durch die Aufwölbung des Rückens angehoben wird und in  ihrer Vorwärtsbewegung   den Schub der Hinterhand nach vorne oben bringt- sie fängt den Schub und die Last in einer federnden Vorwärtsbewegung mit nach vorne erst nach oben, dann nach unten gewölbtem Hals ab und bringt so den Rumpf des Pferdes erst in die Vorwärtsbewegung. 

Diese geniale Konstruktion funktioniert jedoch nur, wenn das Pferd  so geritten wird, dass die Kräfte aus der Hinterhand über den Rücken mit Hilfe der  ventralen Kette nach vorne oben übertragen werden zur Vordergliedmaße.  

Nur ein korrekt gerittenes Pferd kann die „Zweckentfremdung“ Reiten ohne körperliche Schädigungen überstehen.

Das Pferd trägt die Last seines Körpergewichtes hauptsächlich in oben geschilderter  Art „Aufhängung zwischen Vor- und Nachhand“ .

Ein von oben auf den Rücken einwirkende punktuelles Gewicht , teilweise bis zu 130 KG!!! KG, welches sich in der Bewegungsdynamik auch verdreifachen kann,   ist  also völlig wiedernatürlich und steht der natürlich Dynamik des Pferdes erst einmal entgegen. Die Rückenmuskulatur kontrahiert sich reflektorisch unter dem Gewicht - der Rücken wird nach unten durchgedrückt.

Das Pferd muß demzufolge so ausgebildet werden – und das dauert  ca. 1-2 Jahre, dass es auch ausbalanciert bleibt, wenn es den Reiter trägt.

Das bedeutet, die korrekte Ausbildung führt im positiven Fall dazu dass der Reiter in der Bewegung bei aufgewölbten Rücken des Pferdes „mitgenommen“ wird in die Bewegung, nicht aber wie heute oft- „geschleppt“ wird. Alle Muskeln des Bewegungsapparates müssen dazu trainiert werden- nicht etwa wie oft gehört- der Longissimus oder gar der Trapezius allein. Rassebedingt und Exterieurbedingt fällt dieses einigen Pferden leichter als anderen. Vergleiche z.B.  das QH mit dem Friesen.

Die Schiefe der Pferde angeboren und meistens weiter ins Pferd geritten- stellt für die Besattelung oft ein nicht unerhebliches Problem dar. Der gerade und symmetrische Sattel erzeugt auf dem unsymmetrischen Pferderücken einseitig überhöhte Drücke. Durch den mehr oder weniger oft sogar gelichseitig schiefen Reiter wird dies Problem teilweise noch erheblich verstärkt. Bei der Passformkontrolle des Sattels mit einer Computer-Druckmessmatte zeigt sich dies in vielen Fällen sehr deutlich. Eine asymmetrische Anpassung würde den schiefen Sitz des Reiters fördern und die Schiefe des Pferde noch unterstützen, ist also kontraproduktiv.

Es gibt die Möglichkeit durch Anpassung von sattelunterlagen den Sattel korrekt und gerade auf das Pferd zu legen, bis das Pferd evtl. geradegerichtet geritten wird.

Ein osteopathischer/physiotherapeutischer Grundcheck vor der Besattelung kann hier Hilfestellung leisten. Beckenschiefstand oder Probleme im Iliosacralbereich wirken sich auf die Sattellage ebenso aus wie Schulterschiefstände.

Die Schulter des Pferdes ist mit dem Körper nicht durch ein Gelenk verbunden (Pferde besitzen kein Schlüsselbein) Das Pferd ist zwischen seinen beiden Vorderbeinen und den Schulterblättern nur durch eine muskuläre Verbindung aufgehängt. Eine unterschiedliche Bemuskelung bewirkt eine veränderte Stellung der Scapula.  Wenn z. B. die den Pferdekörper tragenden Muskeln auf der einen Seite schwächer sind, hängt der Rumpf weiter nach unten durch und die Scapula steht höher, steiler.

 

Pferd und Sattel

Bild: Fachschule für osteopathische Pferdetherapie Barbara Welter-Böller

 

2. Auswahl des optimalen Baumes

Der Sattelbaum ist das wesentliche Konstruktionselement eines Westernsattels und bestimmt die Passform für das Pferd, die Sitzgröße und Sitzanatomie für den Reiter.

Westernsattelbäume können aus verschiedenen Materialien hergestellt werden.

Die günstigsten Bäume bestehen aus Ralide, einem starren Kunststoffmaterial. Die Stückkosten dieser Bäume  sind sehr gering, die Formkosten jedoch hoch. Daher gibt  es nur wenige unterschiedliche Passformen.

 

Sattelbaum

 

Traditionell  werden Westernsattelbäume aus Holz hergestellt. Die einzelnen Elemente (Fork, Cantle und  die Bars) werden kopiergefräst. Da dieses Herstellungsverfahren auch bei kleinen Losgrößen wirtschaftlich ist, existieren viele verschiedene Passformen und Ausführungen.

Die zusammengefügten Holzteile werden entweder mit Rohhaut (ungegerbtem Leder) oder Glasfiebermatten ummantelt.

Sattelbaum Holz

Seit ca. 15 Jahren bieten verschiedene Hersteller Westernsattelbäume aus einem leicht flexiblen Kunststoffmaterial an, die immer mehr Freunde finden. Fork und Cantle sind bei diesen Bäumen auch aus Holz, also starr. Die Bars und der Sitzaufbau bestehen aus einem hochwertigen dauerelastischen Kunststoff.  Daher können, wenn es notwendig ist, die fertigen Bäume beim Bau des Sattels noch leicht verändert werden, um sie dem jeweiligen Pferd optimal anzupassen. Die flexiblen Sattelbäume setzen den Reiter dichter  ans Pferd als herkömmliche Holzbäume  und lassen Gewichtshilfen sehr gut durchkommen, unkorrekte Hilfen selbstverständlich auch.

 

Sattelbaum

 

Die Passform eines Westernsattelbaumes formt die Passform des fertigen Sattels.

Zwischen Baum und Pferderücken befindet sich nur das ca. 6 mm dicke Skirtingleder und eine Abdeckung durch Synthetik-Fleece oder dünn geschorenes Lammfell. Da diese Bauteile durchgehend gleich dick sind, verändern sie die Passform des Sattels nicht. Ein dickes Pad trägt zwar bei einer steil gewinkelten Sattellage im Bereich der Schulterpartie mehr auf als ein dünnes, diese Veränderungen sind jedoch offensichtlich und gut kalkulierbar.

Folgende Formdetails sind für die Passform eines Westernsattelbaumes entscheidend:

Winkelung der Bars vorne

Winkelung der Bars hinten

Twist (die Stelle wo sich die Winkelung von steil in flach dreht)

Rock (Biegung in Längsrichtung)

Kammerweite (Semiquarter bis X Fullquarter)

Leider ist die Kammerweite das einzige Maß, welches von den meisten Baum- und Sattelherstellern angegeben wird. Außerdem sind diese Angaben von verschiedenen Herstellern und Ausführungen nicht immer vergleichbar.

Wenn man nur den Baum eines Westernsattels auf die Sattellage eines Pferdes legt, sieht man wie die Bars auf dem Pferderücken aufliegen.

Ein Sattel mit Sattelkissen liegt mit der Rundung seiner Kissen meist recht gleichmäßig auf, relativ unabhängig von der eigentlichen Winkelung des Baumes.  Dafür ist die Auflagefläche aber deutlich kleiner.

Die große Auflagefläche des Westernsattels trägt  nur dann, wenn  die Bars flächig aufliegen und nicht nur mit der oberen oder unteren Kante.

 

auflage Sattel

 

Wenn der Rock nicht stimmt, hat der Sattel entweder eine Brückenlage  oder er wippt auf dem Pferderücken.

Die Kammerweite beeinflusst den Schwerpunkt des Reiters im Sitz des Sattels. Er liegt beim Westernsattel im hinteren Drittel des Sitzes. Liegt der Schwerpunkt zu weit hinten, wird der Reiter nach hinten gesetzt, er hat das Gefühl bergauf zu reiten. Liegt er zu weit vorne setzt er den Reiter in bergab Tendenz. Der Druck unter dem hinteren oder vorderen Teil des Sattels wird deutlich höher.

So ist es manchmal schwierig, eine nach hinten deutlich ansteigende Sattellage eines Westernpferdes durch den Sattel auszugleichen.

Den Schwerpunkt des Sitzes eines Sattels kann man gut mit einem runden Bleistift ermitteln, den man in den tiefsten Punkt des Sitzes rollen lässt. Dafür muss das Pferd auf einem waagerechten Untergrund stehen.

Ein nicht passender Sattel nutzt die konstruktiv vorhandene Auflagefläche nicht komplett aus oder er verfügt über einen nicht korrekten Schwerpunkt.

Der Bereich des Pferderückens, auf dem ein Sattel  liegen darf wird vorne vom hinteren Winkel des Knorpelrandes des Schulterblatts (Cartilago scapulae)begrenzt. Die hintere Begrenzung bildet der Übergang von der Brustwirbelsäule zur Lendenwirbelsäule (Thorakolumbaler Übergang). Dieser Bereich sollte nicht mehr belastet werden, da sich hier im Verhältnis zu dem davor liegenden BW Bereich viel Bewegung abspielt.

Ein gut passender Westernsattel hat eine einhundertprozentige Druckübertragung von dem Bereich unter der Vorderkante der Fork bis zu dem Bereich unter der Hinterkante des Cantles. Nach vorne machen die Bars auf, um das Schulterblatt  unter den Sattel gleiten zu lassen. Hinten gehen die Bars hoch, um auch in der Bewegung keine punktuellen Drücke dort zu erzeugen.

 

cantles

 

Der Bereich hinter dem Cantle sollte also nicht hinter dem  18. Brustwirbel positioniert sein. Den 18. Brustwirbel findet man, indem man die letzte Rippe ertastet und sie nach schräg oben verfolgt.

Dieser Punkt darf beim Westernsattel nicht weiter vorne als knapp hinter dem Cantle und beim  Sattel mit Kissen  nicht vor dem Ende der Auflagefläche liegen.

Das Skirtingleder des Sattels sollte vom Beckenknochen des Pferdes (Tuber coxae) eine Hand breit entfernt sein, damit auch bei Biegungen keine das Pferd störende Berührung entsteht.

Wenn ein passender Baum für das spezielle Pferd gefunden worden ist, muss die gleiche Überprüfung noch einmal mit einem Sattel, in dem dieser Baum eingebaut worden ist, vollzogen werden. Jetzt überprüft man ob der Sattel nicht zu lang ist und ob er vorne genügend weit aufmacht um die Bewegung der Schulter nicht zu behindern. (Schulterfreiheit)

Die gleiche Überprüfung sollte dann  auch noch einmal mit dem üblicherweise genutzten Pad gemacht werden, da insbesondere bei  steil  gewinkelter Sattellage ein dickes Pad Veränderungen der Passform hervorrufen kann.

Die Widerristfreiheit kann man auch erst mit Pad beurteilen. Um sicher zu sein, sollte dazu der Reiter den Sattel vorne maximal belasten (durch Abstützen auf die Fork)um so die Situation in der Bewegung zu simulieren.

Die Position der Rigging (Befestigungspunkt des Bauchgurtes) hat auch einen Einfluss darauf wie der Sattel auf dem Pferd liegt. Bei Reiningsätteln hat sich eine 7/8 Inskirtrigging durchgesetzt. Je nach Pferdeform und Verhältnis Gurtlage zu Sattellage kann aber auch eine andere Position der Rigging sinnvoll sein.

Die bisherigen Passformüberprüfungen haben am stehenden Pferd stattgefunden.  Die reiterliche Nutzung eines Pferdes findet jedoch in der Bewegung statt.

Die Form der Sattellage des Pferdes verändert sich durch den Einfluss des Reiters. Das Reitergewicht drückt den Thorax in Relation zur Vorhand nach unten und die Wirbelsäule wird in Extension gebracht, also nach unten gewölbt.

Dem versuchen wir durch die Hilfen des Reiters, indem wir das Pferd motivieren, bestimmte Muskelgruppen verstärkt zu benutzen, entgegenzuwirken. Wie weit es dem Reiter gelingt, dem Pferd zu helfen die Hinterhand unterzusetzen, das Becken abzuwinkeln, den Rücken aufzuwölben und den Brustkorb anzuheben ist in der Praxis sehr unterschiedlich.

Die Passform des Sattels muss  also zwingend in der Bewegung unter dem Reiter kontrolliert werden.

Ohne technische Hilfsmittel hat man folgende Möglichkeiten:

Was sagt das Pferd zu dem Sattel? Wie bewegt es sich? Wie sehen Biegungen, Angaloppieren und die Bewegung der Vorhand aus? Läuft das Pferd entspannt?

Wie bewegt sich der Sattel auf dem Pferd? Hat er hinten zu viel Auf und Ab Bewegung? (Der Pferderücken ist in der Bewegung doch aufgewölbter, so dass der Sattel für das Pferd in der Bewegung zu viel Rock hat.)

Oder zu wenig? (Brückenlage)

Hat er hinten zu viel seitliche Bewegung? (Passformproblem oder ein Pferd mit viel Bewegung zwischen Kruppe und Schulter, durch ein kurzes Pferd mit einem langen Sattel wird dies verstärkt.)

Wie sieht das Fell unter dem Sattel nach dem Reiten aus? Liegen die Haare alle glatt oder deuten Verwirbelungen auf zu viel Bewegung hin?

Ein Sattel kann unter dem gut reitenden Trainer anders passen als unter dem nicht ganz so begabten Besitzer.

Das Schwitzbild, immer im Fell des Pferdes und nicht auf der Sattelunterlage, ist eine recht eindeutige Kontrollmöglichkeit. Trockene Stellen hinter der Schulter, meist in dem nassen Bereich und scharf abgegrenzt deuten auf zu hohen Druck, der die Sekretion der Schweißdrüsen behindert.

Trockene Stelle in der Mitte der Sattellage sind in der Regel unbedeutend.  Pferde fangen da an zu schwitzen, wo die Bewegung zwischen Sattel und Pferd die größte ist, nämlich im Schulterbereich und am hinteren Ende des Sattels. Sie schwitzen von da aus zur Mitte hin. Wenn in der Mitte der Sattellage trocken bleibt, ist das Pferd noch nicht komplett geschwitzt. Also reitet man noch etwas länger, bis das Pferd schwitzt oder benutzt zu diesem Zweck ein luftundurchlässiges Pad zur Probe. Ein zu hoher, trockene Stellen verursachender Druck in der Mitte eines Pferderückens ist eine absolute Seltenheit.


sattellage

 

Der Sattel sollte das Gewicht des Reiters möglichst gleichmäßig senkrecht auf den Pferderücken übertragen. Bei unseren Westernpferderassen haben wir oft eine stark nach hinten ansteigende Sattellage. Hierdurch resultieren Kräfte nach vorne (Kräfteparallelogramm) die durch die Bewegungsdynamik noch verstärkt werden. Diese Vorwärtsbewegung des Sattels wird von dem Knorpelrand des Schulterblattes und der darüber liegenden Muskulatur des Trapezius pars thoracalis und des Latissimus dorsi sowie dem darunterliegenden Rhomboideus und Spinalis  aufgenommen. So können manchmal auch bei durchaus passenden Sätteln hier trockene Stellen entstehen.

Auf die weiteren technischen und elektronischen Überprüfungsmöglichkeiten der Sattelpassform gehe ich später ein. Die Kontrolle der Sattelpassform mit einem dieser Hilfsmittel (tunlichst in der Bewegung unter dem Reiter) ist sicher eine zwingende Voraussetzung für eine fachgerechte Sattelanprobe.

Die Position des tiefsten Punktes im Sitz des Sattels kann sich durch die Bewegungsdynamik und die Form des Rückens des Pferdes unter dem Reiter verschieben. Der Reiter muss darauf achten, ob der Schwerpunkt des Sitzes (tiefster Punkt) auch in der Bewegung noch an der richtigen Stelle liegt.

Bei der Überprüfung des Sattels in der Bewegung sollte der Reiter sein Pferd so reiten, wie es alltäglich geritten wird. Der Sattel,  der auf das versammelt gerittene Pferd passt,  wird dem Pferd, das auf längeren Strecken geritten ja eine andere Form des Rückens zeigen wird,  nicht mehr so gut passen.

Auch macht es wenig Sinn, wenn nur der Trainer oder Reitlehrter den Sattel probiert. Dessen Möglichkeiten der Beurteilung des Pferdes sollte man nutzen, funktionieren muss der Sattel aber auf jeden Fall mit den Reitern, die das Pferd normalerweise reiten. Auch eine evtl. vorhandene Reitbeteiligung sollte bei der Sattelanprobe anwesend sein und reiten. Deren Ansprüche an Sitzgröße und Fenderlänge müssen berücksichtigt werden.     

                                   

3. Auswahl des Sattels

Wenn feststeht, welcher Baum, evtl. wie modifiziert für diese Reiter/Pferd Kombination der optimale ist, kann man überlegen, wie der Sattel um diesen Baum herum aussehen sollte. Jetzt kann die Entscheidung über Schnitt, Farbe, Punzierung und Silberbeschläge des neuen Wunschsattels getroffen werden.

Je nach Nutzung unterscheidet sich der zukünftige Sattel nicht nur in der Optik sondern auch in der Funktion von dem der vielleicht vorher vom Kunden abgebildet in einem Prospekt als der Sattel seiner Träume empfunden wurde.

Folgende Satteltypen kann man für den Bedarf der Westernreiter in Europa unterscheiden.

Reiningsattel. Der überwiegende Anteil der bei uns verkauften Sättel sind Reiningsättel. Im Gegensatz zu dem US-Markt, wo diese ein Nischendasein führen. Mit einem Reiningsattel kann  man den meisten bei uns üblichen reiterlichen Anforderungen am besten entsprechen. Dieser Satteltyp hat einen relativ flachen Sitz mit hinten liegendem Schwerpunkt und ein flacheres Cantle. Der Reiter möchte Bewegungsmöglichkeit für Hilfen und Manöver auch bei hohem Tempi haben. Die Fender sollen gut beweglich sein. Ein niedriges Cantle mit zierlichem Horn wird bevorzugt.

Der Aufhängepunkt der Fender sollte nicht zu weit vorne liegen. Dies ist eine allgemeine Anforderung an moderne Westernsättel. Der Reiter möchte möglichst in der Senkrechten sitzen. Die Skirts sollen so geschnitten sein, dass der Reiter möglichst guten Kontakt zum Pferd hat. (Butterfly-Schnitt)

Eine neue Entwicklung ist der Ladies Reiner, dessen Sitzanatomie speziell auf die anatomischen Besonderheiten des weiblichen Geschlechts abgestimmt ist. Außerdem kommt er mit seinem Gewicht von nur ca. 10 kg den Wünschen vieler Frauen nach einem leichteren Sattel entgegen.

Pleasuresattel. Er unterscheidet sich vom Reiningsattel durch eine spezielle Sitzanatomie, die den Reiter senkrechter setzt und ihn noch besser für diese Disziplin im Sattel positioniert. Die Fenderaufhängung ist weiter hinten und die Fender sind weniger beweglich um dem Reiter einen ruhigen und korrekten Sitz zu ermöglichen. Pleasuresättel werden oft mit aufwändiger Punzierung und Silberbeschlägen versehen um ein möglichst gefälliges harmonisches Gesamtbild der Reiter/Pferd Kombination zu erreichen.

Ein Sattel mit einem Equitation Sitz setzt den Reiter ebenfalls senkrechter und etwas weiter nach vorne. Sehr gut geeignet für ein dressurmäßiges Reiten in Richtung der altkalifornischen Reitweise. Diese Sättel sind, wenn man nicht speziell Reining trainiert, sehr gut universell einsetzbar.

Der Pro Balance Sattel hat eine noch ausgeprägtere Sitzanatomie und viel Built Up. Der Sitz wird schmaler empfunden und setzt den Reiter sehr auf den Punkt.  Geeignet für gymnastizierendes Reiten und altkalifornische Reitweise.

Der Buckaroo Sattel oder Wade Sattel ist nach historischem Vorbild gebaut. Ihn zeichnet ein hohes, steiles Cantle und eine A-Fork, meist mit dicken, kurzen Post-Horn aus. Buckingrolls und Roughout Fender und Seatjockey vervollständigen das Bild des wunderbaren Gebrauchssattels aus dem Süden der Vereinigten Staaten. Dieser Sattel ist auch für leichte Roping-Aufgaben geeignet.

Der (Reined) Cowhorse Sattel ist ein Reiningsattel mit höherer  Fork,  steilerem Cantle und längerem Horn. Er ist so optimal ausgestattet für die Reining Cowhorse Disziplinen.

Alle bisher beschriebenen Sättel können auf die Bäume bzw. die Bars die wir im Laufe der Sattelanprobe auf dem Pferd ausprobiert haben aufgebaut werden. Die Passform für das Pferd ist also immer dieselbe. Für die Entscheidungsfindung einer bestimmte Sitz- oder Sattelvariante werden die Sitze auf speziellen Sattelböcken ausprobiert. Wer sich nacheinander in die verschiedenen Sattel-Varianten setzt und die eine oder andere auf dem Pferd ausprobiert findet in der Regel sehr schnell das optimale für sich und das Pferd.

Cuttingsättel sind dieser speziellen, und bei uns bedingt durch die hier anfallenden höheren Kosten seltener ausgeübten Reitdisziplin, vorbehaltenen Spezialsättel. Hierzu benötigt man  spezielle Bäume, bei denen die Auswahl an Passformen  sehr gering ist.

Das gleiche trifft auf Roping Sättel zu. Bei uns ist Roping ohne „Brake Away Honda“ (ein sich auf Zug selbst öffnendes Rope), also mit einem Rope, das tatsächlich Zug auf das Sattelhorn  ausübt, verboten. Und einen Baumstamm über die Wiese ziehen kann man mit einem Sattel mit normalem Sattelbaum auch.

Weitere Exoten für unsere Marktverhältnisse sind Barrel Race Sättel. Sie sind sehr kurz um dem Pferd viel Bewegungsfreiheit zu geben und rahmen den Reiter stark im Sitze in.

 

Bild Reiningsattel – Pleasure Sattel - Buckaroo

 

4. Kontrollmethoden der Sattelpassform

Die meisten Kontrollmethoden ermöglichen die Passformüberprüfung nur im Stand.

Auflegen der Sättel

Dies ist die einfachste aber auch ungenaueste Möglichkeit der Passformüberprüfung eines Westernsattels. Die Winkelung der Bars vorne und der Rock können einigermaßen sicher festgestellt werden.

 

Auflegen der Bäume

Ohne das Leder des Sattels sieht man, wenn nur der Sattelbaum auf dem Pferderücken liegt alle Details der Passform.

auflage des Sattelbaum

 

Equiscan

Ein spezielles Gitter wird (von hierzu zertifizierten Fachkräften) auf den Pferderücken eingestellt. Vorteil: die Daten können per Tabelle  sogar über eine Internetplattform übermittelt werden. Die Lage des Gitters im Raum wird berücksichtigt. Wenn das Gitter nicht vor Ort zu Kontrolle benutzt wird benötigt der Empfänger (Sattlerei) ein spezielles Gerät um alle Daten darstellen zu können.

 

 equiscan

 

Dieses Gitter wird ebenfalls auf den Pferderücken eingestellt, muss dann aber im Original benutzt und ggf. auch versendet werden. Die Lage im Raum ist so gut wie nicht darstellbar.

 

equiscan gitter

Das gleiche gilt für einen Gipsabdruck den man vom Pferderücken machen kann. Ein weiterer Nachteil ist die unterschiedliche Dicke der Gipsschicht.

FN / Büttner Methode.

fn büttner methode 

Mit einer speziellen mechanischen Vorrichtung werden die Maße des Pferderückens abgenommen und per Tabelle übermittelt. Die Lage im Raum wird dargestellt. Der Sattler benötigt ein spezielles Gerät zur Darstellung. Mit dieser Methode kann die Passform eines Sattels vor Ort nicht überprüft werden.

 

 

Horseshape

Mit einem Scanner werden die Maße der Sattellage erfasst  und auf einer Plattform gespeichert. Als Dienstleistung kann man sich Kartonstreifen fertigen lassen, die die Sattellage dreidimensional darstellen und in Sattel  oder Baum gelegt werden können.

 

  horsehape

 

Sattelchecker

Ein Metallgestell in dem sich senkrecht angebrachte Kunsstoffstäbe befinden, die auf den Pferderücken eingestellt werden. Die Oberseite kann dann in den Sattel gelegt werde. Lage im Raum wird nicht berücksichtigt und das Gerät ist so gut wie nicht zu versenden.

 

sattelckecker

 

Sattelkontrolle in der Bewegung

Eine wirklich korrekte und schlussendlich pferdegerechte Kontrolle einer Sattelpassform kann aus den schon geschilderten Gründen nur unter dem Reiter in der Bewegung stattfinden. Hierzu gibt es folgende Möglichkeiten:

 

Optische Kontrolle

während des Reitens, Pferd – Sattel – Reiter. (Wie schon weiter oben genau beschrieben)

 

Schwitzbild

nach dem Reiten im Fell des Pferdes. (Wie schon weiter oben genau beschrieben)

 

 pferd schwitzbild

Impression Pad

Ein durchsichtiges, mit farbigem Gel gefülltes Pad wird zwischen Sattel und Pferd gelegt. Nach dem Reiten kann man die unterschiedliche Dicke des Gels in dem Pad als Beurteilungskriterium für die an dieser Stelle herrschenden Drücke heranziehen.

 

Impression Pad

 

Wärmebildkamera

Nach dem Reiten wird vom Pferderücken eine Wärmebildaufnahme mit einer Infrarotkamera gemacht. Die Muskelpartien, die durch den Druck des Sattels stärker belastet werden sind besser durchblutet und auf dem Infrarotbild sichtbar. Irritationen tieferer Muskelschichten sind auch sichtbar. Es sollte vor Beginn des Tests eine Kontrollaufnahme gemacht werden, um eine Fehlbeurteilung durch schon ältere entzündliche Prozesse auszuschließen.

 

pferderücken

 

Computer-Satteldruckmessung

mit einem elektronischen Messpad. Dies  ist nach dem heutigen Stand der Technik der Königsweg der Sattelpassform-Kontrolle. Eine dünne Ledermessmatte mit ca. 400 Drucksensoren wird unter das normale Pad gelegt und übermittelt die Messdaten per Funk auf einen Computer. In Echtzeit sieht man, an welcher Stelle der Sattel in welcher Situation welche Drücke erzeugt. Man sieht was das Pferd fühlt. Die Daten können abgespeichert werden. Ein Durchschnittswert der zahlreichen Einzelmessungen kann errechnet werden. Dies ist ein weiteres, sehr gutes Hilfsmittel um die Passform eines Sattels für ein bestimmtes Pferd zu überprüfen.

 

sattelanprobe

 

Die optimale Vorgehensweise um die Passform eines Westernsattels zu ermitteln ist das Auflegen der Sattelbäume, dann Probereiten eines  Sattels mit diesem Baum und dann die Computerdruckvermessung. So ist alles getan worden, was mit den heute zur Verfügung stehenden Hilfsmitteln möglich ist.

 

Hartmut Schenck

Osteopath für Pferde

Inhaber der Firma Way Out West

 

Zuletzt aktualisiert am Dienstag, den 08. September 2015 um 00:03 Uhr